Mein Reisebericht über die Reise in die Südosttürkei, 23.10.2015 – 27.10.2015

 

Samstag 24.10. 2015

Mit dem Zuständigen in der Stadt Diyarbakir, Bereich Internationale Beziehunge und einer Verantwortlichen für das Flüchtlingscamp der Eziden aus Shengal in Diyarbakir fahren wir vormittags zu dem Flüchtlingscamp, das ca. 15 min außerhalb der Stadt in einem ehemaligen Park für Wochenendausflüge liegt. Die Zuständige für das Camp kenne ich aus dem letzten Jahr.

Sie berichtet über die schwierige Lage, dass zwar Spenden der lokalen Bevölkerung eingehen, dennoch von allem zu wenig da sei. Es fehle insbesondere an Winterkleidung speziell für die Kinder, sowie Geld für Reparaturen an den Zelten. Die Zelte waren ursprünglich nur für einen Sommer vorgesehen und auch aufgrund von Spenden aus Celle (sowohl von der Stadt als auch von Privatpersonen) winterfest gemacht worden. Nun sind Reparaturen erforderlich, damit diese einem weiteren Winter standhalten. Zudem sei die Stromrechnung enorm hoch (mehrere zehntausend € pro Monat) da aus Brandschutzgründen Holzöfen durch Elektroheizungen und -herde ausgetauscht wurden. Hinzu kommt, dass die Ausgaben für Nahrungsmittel gestiegen seien, da die Flüchtlinge nicht mehr, wie noch vor einem Jahr, in Gemeinschaftsküchen die Versorgung gewährleisten, sondern – aus verständlichen Gründen – nun jede Familie für sich sorgt. 

Problematisch ist die Ungewissheit für alle Beteiligten, auch für die Helfenden, wie lange die Flüchtlinge in der Türkei bleiben werden. (Die Eziden wünschen sich eigentlich einen eigenen kleinen Staat/ autonome Region in der sie sicher vor "den Moslems" und anderen leben können wie sie mir schon letztes Jahr mitteilten.) In der Türkei - auch in der mehrheitlich von Kurden bewohnten Region - möchten niemand  bleiben und alle hoffen, so schnell wie möglich nach Europa weiter reisen zu dürfen. Ihre Heimat Schengal ist inzwischen von dem sogenannten IS zurückerobert. Wir wurden auf die zunehmenden Ressentiments der lokalen Bevölkerung hingewiesen, die sich fragen würden, warum die Eziden nicht wieder in Ihre Heimat zurückkehren. Doch dies ist keine Option für die Menschen aus Schengal. Sie möchten weder zurück auf den "blutgetränkten Boden" noch möchten sie wieder die Menschen als Nachbarn haben, welche sie – aus ihrer Sicht – verraten und ihnen nicht geholfen haben. Außerdem möchten sie nicht in den Irak zurück, weil Barzani die Peschmerga damals einfach zurückgezogen hat, als klar war, dass der sogenannte IS kommt. Sie haben das Gefühl, dass sie einfach ihrem Schicksal überlassen wurden, was für viele den Tod bedeutete.

Außerdem kritisiert unser Fahrer, dass die Männer hier faul rumsäßen, wo sie doch zurückgehen könnten, um gegen den sogenannten IS zu kämpfen. Er weist in diesem Zusammenhang auch stolz auf die vielen Frauen (der YPG Einheiten) an der Front hin.

Im Camp treffen wir uns mit einem anderen Zuständigen für das Lager. Auch er berichtet ähnliches. Die Grenze zu Syrien werde zweimal pro Woche geöffnet. Die Straßen in Kobane seien inzwischen geräumt und Häuser würden noch aufgebaut. Die internationale Politik richtet ihren Fokus sehr auf die Flüchtlinge aus Syrien. Für diese Menschen hier aus dem Nordirak mit ihrer besonderen Problematik ist - auch aufgrund ihrer geringen Zahl (ca. 30.000 Flüchtlinge aus dem Nordirak leben in der Südosttürkei) - die öffentliche Wahrnehmung nicht da. An den vereinbarten Programmen partizipieren sie nicht. Die Flüchtlinge sind frustriert, sie sehen keine Perspektive und entscheiden sich immer mehr für ein Weiterziehen nach Europa. Für sie ist die Flucht unter Lebensgefahr besser als die Ungewissheit in der Türkei. 

In dem Haus für die Frauen und Kinder lernen wir die zwei jungen Frauen kennen, die sich um die Kinder im Camp kümmern. Sie sind Angestellte der Stadt und arbeiten eigentlich in dem Frauenhaus Diyarbakirs. Ich habe ein von Elmast Süzük übersetztes Märchen in kurdischer und deutscher Sprache dabei, das der Bibliotheksverein Celle hat illustrieren und drucken lassen und überreiche einer der Frauen einige der Hefte. Sie berichtet, die Kinder würden sporadisch unterrichtet. Zunächst muss ihnen - aber auch den Erwachsenen - das lateinische Alphabet beigebracht werden. Die Erwachsenen seien besonders am Englischunterricht interessiert. Dort träfe man dann sowohl Kinder als auch 70-Jährige. Ihr einziges Ziel sei es, nach Europa zu kommen. 

Dann treffen wir noch zwei Frauen mittleren Alters, welche aus Istanbul gekommen sind um die Frauen in den Camps zu coachen. Wan Doo (Weg der Frauen) heißt die wohl aus den USA stammende Philosophie. Es geht um Empowerment, Selbstverteidigung, Meditation, Yoga. Männern ist in dieser Zeit der Zutritt zu dem Haus untersagt, auch unser Begleiter muss draußen warten.

Auf Nachfrage wird mir erklärt, es mangele an Schreibmaterial für die Kinder und Hygieneartikel für die Frauen. Von den eingehenden Spendengeldern, die die Männer verwalten, würden von diesen ungern "Frauensachen" gekauft. Ich besorge 100 Hefte und Stifte, sowie Anspitzer und Buntstifte für die Kinder sowie Binden und Pampers.

Später sind wir mit dem Abgeordneten des türkischen Parlamentes Ali Atalan in der Hotel Lobby verabredet: Er ist ezidischer HDP-Abgeordneter für Mardin und mitten im Wahlkampf. Er berichtet, dass die AKP/die Regierung einiges versuche, den Wahlkampf der HDP zu behindern. Erdogan möchte seine Alleinherrschaft unbedingt zurückerlangen. Er hält auch eine Spaltung der AKP für möglich, da nicht alle diesen harten Kurs teilten. Ali kritisiert, wie viele vor ihm, den Besuch Merkels bei Erdogan noch vor der Wahl. Sie habe sich damit klar auf Erdogans Seite gestellt und ihm dadurch Anerkennung verschafft. Auch sei nicht ausreichend die derzeitige politische Unterdrückung angesprochen worden. 

In der letzten Zeit wurde in verschiedenen Städten (Cizre, Nusaybin,...) eine Ausgangssperre verhängt. Nusaybin wurde beispielweise 4 Tage vom Militär belagert. 40 HDP Abgeordnete und 300/400 weitere Menschen haben sich dann zu Fuß (als Friedensmarsch) auf den Weg nach Cizre gemacht. Sie wurden von der Polizei gestoppt. Auch die Abgeordneten, die sich unter Berufung auf ihr Mandat vor Ort über Missstände informieren wollten, seien teils mit einfacher körperlicher Gewalt, gehindert worden, Kontakt mit der Einsatzleitung oder Menschen vor Ort aufzunehmen.

Es seien durch die Polizei Gesetzesverstöße begangen worden. So sei in der Türkei eine Ausgangssperre mehrere Stunden vorher anzukündigen, damit die Bevölkerung sich ausreichend bevorraten könne. Auch sei pro Tag eine Stunde auszunehmen, um Ärzte oder Geschäfte kontaktieren zu können. Beides sei nicht geschehen. Im Gegenteil wären alte Menschen, die ärztliche Hilfe gesucht haben, erschossen worden. Eine Schweizer Menschenrechtsanwältin, die ich zufällig im Hotel traf, hat die Menschen in Cizre befragt. Ich habe diesen Bericht, den ich später erhalten habe, in Berlin an die verantwortlichen Stellen verteilt und auch die Kanzlerin aufgefordert, auf eine unabhängige Untersuchung der inzwischen Vielzahl von Ausgangssperren mit Todesopfern zu drängen.

Es seien auch, so meine Gesprächspartner, 18 Ratsmitglieder und diverse Bürgermeister der HDP festgenommen. Der Plan der AKP, mit der dann vorhandenen Mehrheit einen AKP Bürgermeister zu wählen, sei misslungen. Die HDP habe in der Ladungsfrist zu der Stadtratssitzung ausreichend Ersatzmitglieder verpflichten können, um mindestens eine Stimme Mehrheit zu haben. Damit sei dann eine HDP Bürgermeisterin gewählt worden. Da diese jedoch noch Erfahrungen sammeln müsste, hätten die abgesetzten Bürgermeister bei der Führung der Geschäfte geholfen.

Ali Atalan erwähnt die Strategie, die ich auch schon von Anderen - z.B. Kurden aus Celle – gehört habe: die Eziden (egal ob aus Syrien oder Irak) sollten in die verlassenen ezidischen Dörfer rund um Batman ziehen können. Die Eigentümer in Deutschland seien einverstanden. Man müsste aber zunächst mit ausländischer Hilfe die Dörfer für die Menschen herrichten. Ich merke an, dass es für die Menschen dort keine Möglichkeit gebe, zu ihrem Lebensunterhalt beizutragen. Die ehemaligen Bewohnenden hätten ja gerade aus diesem Grund die Dörfer verlassen.

Der Abgeordnete stellt fest, dass für die Wahl am 01.11.2015 europäische Wahlbeobachter wichtig seien. Erdogan wird alles tun, um seine Macht zu erhalten. So stand z.B. bei der letzten Wahl die Polizisten direkt neben der Wahlurne, was definitiv verboten ist. Ali Atalan findet es gut, dass die HDP den Beobachterstatus in SPE hat.

 

Sonntag 25.10.2015

Wir treffen Hediya Barak von der Rojava Hilfe. Sie weisen uns auf den Film "Nû Jîn -Neues Leben" von Veysi Altay hin.

Hediya erklärt, in dem Suruc Camp seien 90% syrisch-kurdische Flüchtlinge. Einige sind bereits nach Kobane zurückgegangen, doch noch sei das Leben dort nur unter sehr schwierigen Bedingungen möglich. Viele syrische Flüchtlinge wollen zurück, andere wenige haben bereits angefangen, in der Türkei erwerbstätig zu sein und sich etwas aufzubauen. Diese wollten hier bleiben. Das Problem seien die Finanzen: Wer gibt Geld, um Rojava/Kobani aufzubauen? 

Zurzeit gebe jeder etwas, z.B. die muslimische Gemeinde. Deutschland helfe mit Medizinischen Diensten wie "International Medicine", Großbritannien räume die Straßen in der zerstörten Stadt. Auf meine Frage nach der Sicherheit für die Rückkehrenden meinen unsere Gesprächspartner, sie glaubten, die sei gesichert. 

Hediya Barak gibt uns eine Botschaft der Organisation Rojava an Deutschland mit:

Danke an mich, dass ich da bin und Interesse zeige. Kobane sei nicht irgendeine Stadt, sie stünde für alle anderen betroffenen Städte und sei ein Symbol, wie sich die Kurden unabhängig machen können und sich selbst beschützen. 

Nahrungslieferungen seien nicht so wichtig wie Baumaterialien. Es sei essenziell, dass die Stadt wieder aufgebaut werde, eine Infrastruktur sowie Daseinsvorsorge (Krankenhäuser, Lebensmittelgeschäfte) möglichst schnell entstehe. Demgegenüber verhindere der Bürgermeister in Suruc jegliche Hilfe für die Flüchtlinge. Ein Arzt aus Deutschland wäre neun Tage da gewesen, um die Flüchtlinge zu verarzten. Solche Unterstützung sei sehr hilfreich und werde noch stärker benötigt. Hediya bekräftigt alles, was an Hilfe für die kurdischen Flüchtlinge geleistet werde, sei Dank des Engagements der Menschen im Südosten der Türkei möglich. Doch Erdogan stelle das als seinen Verdienst dar. 

Danach besichtigen wir eine über 1000 Jahre alte syrisch-orthodoxen Kirche. Die Gemeinde sei zwar nicht groß aber es gebe tägliche Messen.

In der HDP Zentrale werden wir von Ömer Önen und Gülsen Özer, Vizepräsidenten der HDP in Diyarbakir, erwartet. Ziya Pir (türkischer HDP Abgeordneter, der lange Zeit in Deutschland gelebt und in Baden-Württemberg studiert hat) erzählt: Bisher gab es nach jedem Wahlsieg der HDP eine anschließende Verhaftungswelle von Kurden. Die HDP stehe aber nicht nur für Kurden sondern für alle Minderheiten in der Türkei wie Christen, Araber, Armenier, Alewiten, Rumänier etc. sowie für Frieden und Demokratie. Die AKP/Erdogan wolle sich an HDP rächen, da die HDP einen Regierungsanspruch habe. Sie hofften auf 15 % am Sonntag. Auch hier wurde der Besuch von Bundeskanzlerin Merkels vor der Wahl in der Türkei kritisiert. Ich wies auf meinen Brief hin, den ich ihr vor der Reise schrieb und in dem ich bat, die Menschenrechtssituation in den Gesprächen zu thematisieren.

Auch hier - wie auch in den Flüchtlingscamps - wurde der Frust meiner Gesprächspartner deutlich: Es kämen immer viele Abgeordnete in die Türkei, doch es zeige für die Menschen hier keine Wirkung, ganz im Gegenteil,  Erdogan weite seinen Polizeistaat weiter bzw. wieder aus.  

Am Abend treffen wir uns mit Feleknas Uca, der aus Celle stammenden Parlamentsabgeordneten der HDP in einem Fischrestaurant. Sie steckt mitten im Wahlkampf und muss morgen früh beispielsweise um 6 Uhr auf den Tierbasar mit ihren Parteikollegen einen Termin wahrnehmen. Die Termine werden von der Wahlkampfleitung vorgegeben. Auch sie erzählt wie Ali Atalan von enormen Schwierigkeiten durch Erdogan. Sie war seit der Wahl nur vier Mal in Ankara im Parlament, da die Übergangsregierung kaum aktiv gewesen sei.

 

Montag 26.10.2015

Um 11.00 Uhr werden wir von einem Mitarbeiter der Stadtverwaltung Batman abgeholt und direkt in das Flüchtlings-Camp der Eziden aus Shengal gefahren. Es liegt etwas außerhalb der Stadt an einem Berghang. Ca. 400 Flüchtlinge leben hier, die Hälfte sind Kinder. Es mangelt an vielem, z.B. an Schuhen. Obwohl es schon empfindlich kalt wird, laufen die meisten in Latschen herum. Ich kaufe später 10 Paar Schuhe, nicht viel aber hoffentlich ein Anfang. Spenden kommen - wie meine - nur sporadisch und nicht regelmäßig. Für die Stadt Batman, die alle Kosten des Camps übernimmt (den Begriff "freiwillige Leistungen" kennen sie hier auch und Ankara versucht, diese zu unterbinden) erhöhten sich die Kosten, da auch hier nicht mehr aus der Gemeinschaftsküche versorgt wird sondern jede Familie individuell Lebensmittel bekommt. Dies sei auch auf unterschiedliche Essgewohnheiten zurückzuführen. Hier wird mit Holzöfen gekocht. Sie sollen aufgrund der Brandgefahr außerhalb der Zelte stehen, was aber insbesondere im Winter nicht immer durchzusetzen ist. Es ist schon zu Unfällen, auch mit Kindern, gekommen.

Es gibt keinen Schulunterricht. Die unklare Lange setzt den Menschen zu. Sie wissen nicht, wie es weitergehen soll.

Auch hier höre ich von Männern, die sich auf den Weg nach Europa gemacht haben und an der Grenze von den türkischen Behörden zurückgewiesen wurden. Jetzt überlegen sie, ob sie (mit Familie!) über das Meer gehen wollen. 

Positiv ist die medizinische Versorgung. Ein Ärztepaar aus dem Iran ist von Ärzte ohne Grenzen für ein Jahr hierher entsandt worden. Sie ist Gynäkologin, er Allgemeinmediziner. Sie habe auch eine Arzthelferin, die die gut ausgestattete Apotheke betreut. Auf Nachfrage erklärt das Paar, auch chronische Erkrankungen wie Diabetes und Herzschwäche medikamentös behandeln zu können.

Ich übergebe wieder einige von den Märchenbüchern.

Um 15.30 Uhr treffen wir uns mit Gülistan Aker, der Co-Bürgermeisterin Batmans. Sabri Özdemir hatte leider keine Zeit. Ein Kamerateam ist dabei. Gülistan und Sabri wurden ihres Amtes enthoben. Sie waren 35 Tage im Gefängnis. Gülistan ist sehr froh, wieder in Freiheit zu sein, würde aber jederzeit wieder in Gefängnis gehen, wenn sie damit einer Eskalation der Situation entgegenwirken kann. Sie haben sich als menschliche Schutzschilde schlichtend zwischen Polizei und Militär auf der einen und die Demonstrierenden auf der anderen Seite gestellt. Jetzt wird ihnen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen.

Dann treffe ich einen Reporter von Firat TV für ein Interview. Sie fragen mich zu meiner Einstellung und Meinung zur Lage der Kurden, Abdullah Öcalan im Gefängnis und der Verbindung zwischen Erdogan und ISIS.

 

Dienstag 27.10.2015

Morgens im Hotel sehen wir kurz Berna Bulut. Sie ist Vorsitzende des Ezidischen Vereins in Batman und hat Touristik studiert. Da sie Familie in Hannover und Emmerich hat, war sie bereits einige Male in Deutschland. Berna sagte, dass sie eine der wenigen ezidischen Frauen ist, die studiert hätten. Berna möchte wieder eine Reise nach Österreich machen, sie hat aber das Problem, dass man ihr kein Visum erteilt, da die Botschaft davon ausgeht, dass sie sicherlich nicht wieder zurück in die Türkei möchte. Genau das sei auch letztes Jahr mit der deutschen Botschaft passiert, sodass sie letztes Jahr nicht nach Deutschland konnte. Für sie bleibe aber immer Kurdistan ihre Heimat und sie werde immer hier bleiben, egal wie häufig sie noch Reisen nach Europa mache. 

Gleiche Erfahrungen habe ich mit der deutschen Botschaft gemacht, als wir Ehrenamtliche nach Celle eingeladen haben, sich das Frauenhaus und die Tafel anzusehen. Diese Politik ist meiner Meinung nach kontraproduktiv: Zum einen rufen wir die Region zur Entwicklung und zum Aufbau einer Zivilgesellschaft auf, wenn wir dabei unsere Erfahrungen mit einer freien und diversen Gesellschaft teilen wollen, dürfen dieselben Menschen nicht zu uns kommen.

Auf dem Weg zu dem Frauenprojekt Hevi (Hoffnung) nehmen wir Hürriyet Katar, die neue gewählte Bürgermeisterin Batmans mit.

Vorsitzende von Hevi, Gurbet Nas, und weitere Frauen empfangen uns. Gurbet berichtet davon, dass es seit letztem Jahr weniger Frauen geworden sind, die in das Zentrum kommen. Der Staat stellt sich gegen die Entwicklung von Frauen. Sie arbeiten aber mit Empowerment-Programmen dagegen, um den Frauen zu zeigen, welche Rechte sie haben und wie sie sich gegen Unterdrückung wehren können. Sie habe seit einer Woche mit einem neuen Projekt begonnen, welches 4 Monate lang die Frauen unterrichtet wird. 

In dem Projekt werden Frauen zu Frisörinnen, Schneiderinnen und Teppichknüpferinnen ausgebildet. In der Teppichwerkstadt werden auch Taschen geknüpft, dass diese sich leichter verkaufen lassen. Ich bestelle fünf Taschen und bezahle diese im Voraus. Eine Tasche kostet 70 Lire, umgerechnet etwa 23 €. Außerdem bietet Gurbet an, sehr schöne handgefertigte Teppiche (ein Teppich ca. 6 Monate Arbeit) nach Deutschland zu verkaufen. Dafür sollen Fotos und Preise per Mail gesendet werden. Der regelmäßige Austausch von Ankäufern in Celle und Hevi ist sehr wichtig und sie hoffen etwas Langfristiges aufzubauen. Ich gebe ein traditionelles kurdisches Kleid in Rot in Auftrag für mich. Die Kleider für meine beiden älteren Enkelkinder, die ich letztes Jahr bestellt habe, sind fertig und ich nehme sie mit.

Um 15.30 Uhr besuchen wir das Büro der Welthungerhilfe (WHH) in Mardin.

In Mardin sind fast nur syrische Flüchtlinge. Momentan plant die WHH ein Pilotprojekt und stellt einen Schultransfer für die Kinder in Kiziltepe auf die Beine, da die Mitarbeitenden der WHH in Erfahrung bringen konnten, dass viele Eltern ihre Kinder nicht in die Schulen schicken, weil es ihnen an Geld für die Schulweg mit einem Bus fehlt. Außerdem renovieren sie die Schule in Mardin. Alle sind sehr engagiert und geben trotz der schwierigen Situation alles, um die Situation der Flüchtlinge zu verbessern.

Ich erkläre, dass ich seit zwei Jahren eine bei der Bundesregierung gelistete Organisation suche, die mit den vom Bundestag freigegebenen Geldern Projekte in der Region für die Irakischen Flüchtlingen machen können. Ich fragte, ob die Welthungerhilfe nicht diese Aufgabe übernehmen wolle. Die Organisation erweist sich aber als schwieriger, als ich dachte. Allein die Ermittlung des Bedarfs (wieviel Kinder welchen Alters müssen wo beschult werden), die Projektbearbeitung und -durchführung verschlinge viel Arbeitszeit.

Trotzdem ist es im Nachgang der Reise der WHH gelungen, ein Projekt der Winterhilfe für die Menschen in dem Camp Diyarbakir aufzulegen – einen herzlichen Dank an alle Beteiligten!

Im Rathaus Mardin treffen wir uns mit Dr. Leyla Ferman, die in Celle geboren ist und in Deutschland studiert hat. Jetzt arbeitet sie für zwei Jahre für die Stadt Mardin. Dort sprechen wir mit Bürgermeister Ahmet Türk und Co- Bürgermeisterin Februniye Akyol, einer armenischen Christin. Herr Türk freut sich, mich wiederzusehen und berichtet, dass im letzten Jahr die Hochzahl an Flüchtlingen in Mardin bei 30.000 lag. Inzwischen seien es nur noch 7000 bis 8000 in der Region um Mardin. Die Bedingungen vor Ort seien sehr schwer sowohl für die Flüchtlinge als auch für die Zuständigen und Helfenden der Stadt Mardin. Viele haben sich auf dem Weg über die türkische Grenze Richtung Europa gemacht, aber einige seien auch wieder zurückgeschickt worden. Viele haben inzwischen eigene Wohnungen bezogen, wie z.B. in Nusaybin. Die ausländische Hilfe sei gut gemeint, reichten aber bei weitem nicht aus. 

Herr Türk merkt an, dass der türkische Staat die Bombenleger des Anschlags in Ankara kannte, aber nicht handelte. Dem türkischen Geheimdienst sei die Gefährlichkeit der Männer bereits im Voraus bekannt gewesen. Verhandlungen über den Nahen Osten seien unabdingbar, um langfristig Frieden sicherzustellen. Dabei sei auf die Wiederherstellung von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie zu achten.